Experteninterview: Stretta-Prozedur bei Reflux

Anmerkung: beim folgenden Text handelt es sich um eine Übersetzung eines englischen Interviews mit Dr. Mark Noar, einem innovativ arbeitenden amerikanischen Gastroenterologen. Das Original findest du hier in der englischen Version von Refluxgate.

Wir unterhalten uns im Interview über das Stretta-Verfahren, was zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels (Juli 2019) noch nicht in Deutschland verfügbar ist, jedoch in mehreren anderen europäischen Ländern.

Start des Interviews:

Wenn Maßnahmen zur Verbesserung von Lebensstil und Ernährung scheitern, denken die meisten Menschen, dass sie Medikamente einnehmen, oder eine sehr invasive Operation durchführen müssen.

Aber es gibt noch eine Alternative in der Mitte – die Stretta-Prozedur.

Beim Stretta-Verfahren handelt es sich nicht um einen chirurgischen Eingriff. Daher ist es weniger invasiv als die typischen Anti-Reflux-Operationen – wie z.B. die Nissen-Fundoplikatio.

Gleichzeitig kann Stretta eine effektivere langfristige Behandlung sein als Medikamente.

Ich habe Dr. Mark Noar über seine Erfahrungen mit der Stretta-Therapie interviewt. Eigentlich war das der Hauptgrund, warum ich überhaupt mit ihm sprechen wollte. Letztendlich diskutierten wir aber auch die Rolle der Sphinkter bei Stillem Reflux sowie den pH-Test bei Stillem Reflux.

Teil #3 – Das Stretta-Verfahren für Reflux & Stillen Reflux

Lassen Sie uns über Stretta sprechen. Woher kommt die Technologie?

Die Technologie wurde von einem Herrn in Kalifornien erfunden.

Ich war der erste klinische Anwender dieser Technologie. Ich war derjenige, der das Unternehmen bei der Entwicklung dieser Methode unterstützt hat, um sie bei Refluxerkrankungen einsetzen zu können.

Und was bewirkt das Stretta-Verfahren?

Es lässt die Muskeln der Sphinkter wachsen.

Das Gerät enthält spezielle Nadeln. Durch diese Nadeln senden wir Hochfrequenzenergie direkt in den Muskel des Sphinkters. Die Nadeln sind sehr weich, so dass das Gewebe nicht verletzt wird.

Die Methode ist sehr elegant, denn wenn eine Nadel während des Eingriffs zu heiß wird, wird diese Nadel einfach ausgeschaltet. Es ist also sehr sicher. Die Temperatur wird zwischen 65 und 85°C gehalten, das ist die Temperatur einer Tasse Kaffee. Das Gerät verbraucht 5 Watt, wie eine LED-Glühbirne. Es braucht also sehr wenig Energie. Das Gerät verursacht keine Schäden. Es soll lediglich den Muskel stimulieren.

Worin besteht der Unterschied zwischen dem Stretta-Verfahren und einer Nissen-Fundoplikatio?

Es korrigiert verschiedene Teile des unteren Ösophagussphinkters [Das Ventil zwischen Speiseröhre und Magen, Anm. d. Red.].

Es gibt eine äußere Schicht des Sphinkters. Der sogenannte äußere Sphinkter. Dieser wird bei der Fundoplikatio korrigiert.

Dann gibt es noch den internen Ösophagussphinkter, der ein Muskel ist. Stretta stärkt diesen Muskel um den inneren Sphinkter zu korrigieren.

Wie funktioniert die Stretta-Therapie?

Stretta stimuliert das Muskelwachstum. Die Muskeln des unteren Ösophagusphinkters (UÖS) werden größer, dicker, stärker und länger.

Das führt letztendlich zu einer Erhöhung des Drucks des Sphinkter.

Wir versuchen, den Sphinkterdruck soweit zu erhöhen, dass er dem Magendruck standhalten kann, wodurch Reflux verhindert wird. Die Hauptursache für Reflux ist, dass sich der Sphinkter zu oft entspannt. Nach der Stretta-Behandlung geht die Häufigkeit der Sphinkterentspannungen bei Patienten deutlich zurück.

Viele Menschen, auch Ärzte, verstehen nicht, wie Stretta funktioniert. Sie denken, dass das Stretta-Verfahren zu einer Vernarbung des Gewebes führt. Stretta fördert jedoch durch die Stimulation mit elektromagnetischer Energie das Muskelwachstum. Das wurde in einer Studie deutlich gezeigt.

Das ist sehr interessant, denn wenn ich mich recht erinnere, findet man in vielen Gesundheitsportalen, dass Stretta wirkt, indem es Narbengewebe aufbaut.

Das ist ein häufiges Missverständnis von Ärzten, die davon ausgehen, dass die Stimulation mit elekromagnetischer Energie eine Narbe verursacht, aber man sieht nie Narben nach einer Stretta-Behandlung.

Wer wäre der ideale Kandidat für das Stretta-Verfahren?

Der ideale Kandidat ist jemand, der Reflux hat, entweder GERD [Reflux in der Speiseröhre, Anm. d. Red.] oder auch Stillen Reflux [Atemwegsreflux, Anm. d. Red.]. Er spricht nicht auf die Standardmaßnahmen an und muss Medikamente einnehmen, oder die Medikamente wirken bei ihm nicht.

Jemand, der seine Ernährungs- und Lebensweise anpasst und sich dadurch gut fühlt, braucht das Stretta-Verfahren nicht.

Jemand, der für ein paar Wochen Medikamente einnimmt und dem es danach gut geht, braucht den Eingriff nicht.

Welchen Einfluss hat die Stärkung des UÖS auf eine verzögerte Magenentleerung? Also bei Menschen, bei denen nach der Nahrungszufuhr das Essen zu lange im Magen bleibt.

Das ist eine wichtige Frage.

Bei 40 Prozent der Refluxpatienten entleert sich der Magen zu langsam, sie haben eine sogenannte Gastroparese. Das liegt daran, dass sich ihr UÖS ständig öffnet. Der Magen muss die Nahrung in den Darm schieben. Aber wenn sich deren UÖS öffnet, wird die Nahrung stattdessen in die Speiseröhre gedrückt. Die Nahrung wandert aufwärts statt abwärts!

gastroparese-vs-gesund

Was ich allerdings in meiner Forschung herausgefunden habe: Patienten, die eine verzögerte Magenentleerung mit Reflux hatten und sich der Nissen-Fundoplikatio unterzogen haben, normalisierten sich nach Nissen wieder.

Wie kann man testen, wie gut sich ein Magen entleert?

Man kann ein Elektrogastrogramm machen, das die Magenmotilität misst. Darüber hinaus kann ein Magenentleerungsscan zeigen, ob es eine Verzögerung gibt.

Nach einer Anti-Reflux-Operation kommt es oft zu einer Normalisierung.

Nach jeder Korrektur des Sphinkters funktioniert der Magen besser. Er entleert sich besser, er zieht sich besser zusammen und er ist gesünder.

Welche anderen Verfahren helfen bei Stillem Reflux?

Von allen heute verfügbaren Refluxbehandlungen gibt es nur zwei Therapien, bei denen die Forschung eine Beseitigung des Stillen Reflux nachweisen konnte. Eine davon ist die Nissen-Fundoplikatio mit einer 360°-Manschette. Eine partielle Fundoplikatio, wie nach Toupet, mit einer 270°-Manschette ist nicht so eng, weswegen es immer noch zu Reflux kommt, nur eben weniger.

Die andere ist das Stretta-Verfahren. Diese beiden Verfahren sind sehr effektiv, um Stillen Reflux zu beseitigen. Stretta baut Muskeln auf und die Fundoplikatio erzeugt eine künstliche Verengung.

Was halten Sie vom LINX-Implantat?

Das LINX-System ist bei einigen Patienten wirksam.

Das Problem ist: Manchmal bildet der menschliche Körper um das LINX-Gerät herum Narbengewebe, das eine korrekte Funktionsweise verhindert.

Für die Leser, die LINX nicht kennen: Es handelt sich um einen magnetischen Ring gegen Reflux. Mehrere Magnete sind auf einem Band aufgereiht, wie Perlen auf einer Schnur. Das Ziel ist, dass sich diese magnetischen Perlen gegenseitig anziehen und den Druck auf den unteren Ösophagussphinkter erhöhen, um ihn geschlossen zu halten. Was kann bei LINX schief gehen?

Das Band muss in der Lage sein, sich von selbst zu öffnen. Wenn der Körper auf ungünstige Weise Narbengewebe um die Perlen bildet, kommt es zu Problemen.

Während der ersten drei Wochen nach dem Einsetzen bildet der Körper um das LINX-Implantat herum einen Ring aus Narbengewebe. Es ist bemerkenswert, wie der Körper auf Fremdkörper reagiert.

Es gibt Fälle, in denen LINX wirksam ist, und Fälle, in denen er es nicht ist. Es hängt davon ab, wie sich das Narbengewebe um das Implantat herum bildet.

Falls es funktioniert, heisst das, dass im Inneren des Narbengewebes ein offener Tunnel liegt, in dem sich LINX frei bewegen kann.

Funktioniert es nicht, kann das Narbengewebe die Perlen in der geöffneten Position fixieren, so dass es Ihre Speiseröhre die ganze Zeit offen hält, und Sie haben noch mehr Reflux als zuvor! In diesen Fällen muss das Implantat entfernt werden.

Auch das Gegenteil ist möglich: Sind die Perlen in einer geschlossenen Position fixiert, kann man nicht mehr schlucken.

Es gibt noch ein weiteres Problem mit LINX: Betrachtet man die Röntgenbilder, sieht man, dass beim Schlucken der erste Nahrungsbolus nach unten gelangt und direkt über dem Ring stecken bleibt. Wenn der nächste Bissen dort ankommt, schiebt er den ersten durch. Es ist fast, als würde man Billard spielen. Man muss eine Kugel auf die andere treffen lassen, um die Zweite ins Rollen zu bringen, während die Erste wieder liegen bleibt.

Ein weiteres Problem ist die Pseudoachalasie, d.h. die Speiseröhre wird über dem LINX-Implantat erweitert und verliert an Beweglichkeit. Wenn die Bewegungen der Speiseröhre nicht mehr stattfinden, kann man nicht mehr schlucken und das LINX-Implanat muss entfernt werden.

Es gibt mittlerweile vermutlich fast 60 Seiten auf der FDA-Website [Lebensmittel- und Medikamentenaufsichtsbehörde der USA; Anm. d. Red.] über all diese Komplikationen, die man im Laufe der Jahre festgestellt hat.

Ich persönlich mag keine Fremdkörper. Wenn Sie wollen, dass jemand hingeht und das Gewebe um Ihre Speiseröhre chirurgisch freilegt, können Sie ihn genauso gut einen Zwerchfellbruch korrigieren lassen und eine Nissen-Fundoplikatio durchführen, weil das auf lange Sicht am besten funktioniert.

Betrachten wir alle Verfahren, gibt es nur zwei Methoden, zu denen wir 10-Jahres-Daten haben. Das sind die Nissen-Fundoplikatio und das Stretta-Verfahren, die über 10 Jahren hinaus sehr effektiv sind – Nissen ist noch etwas besser als das Stretta-Verfahren.

Kann man Stretta und die Nissen-Fundoplikatio kombinieren?

Ja, absolut. Es ist sinnvoll, wenn eine der Methoden nicht erfolgreich war.

Sowohl Nissen als auch Stretta sind darauf ausgerichtet, den unteren Ösophagussphinkter zu korrigieren. Aber jede Methode korrigiert nur einen Teil.

Die beiden Verfahren können in Kombination sehr effektiv sein und dieser Ansatz ist besser, als jemanden erneut mit Medikamenten zu behandeln.

Ich empfehle, zuerst Stretta durchzuführen. Im Vergleich zur Nissen-Fundoplikatio ist es ein viel einfacheres und risikoärmeres Verfahren.

Was ist mit LINX und Stretta: Kann man diese auch kombinieren?

Ja, Sie können auch beide durchführen.

Stretta ist das erste, was man nach dem Scheitern einer Methode probieren sollte, denn wenn man eine erneute chirurgische Lösung erwägt, geht das oft mit einer höheren Komplikationsrate einher.

Ich hatte Patienten, bei denen das LINX-Implantat versagt hatte, aber noch immer im Körper steckte. Viele sprechen auf eine Strettaprozedur gut an und sind sehr glücklich und völlig symptomfrei.

Ende von Teil #3 des Interviews mit Dr. Mark Noar.

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels (Juli 2019) ist die Stretta Prozedur noch nicht in Deutschland verfügbar, jedoch in mehreren anderen europäischen Ländern.

Brauchst du weitere Hilfe, um deinen Stillen Reflux loszuwerden? Dann lies meinen ausführlichen Artikel über die Behandlung von Reflux.