Prokinetika bei Reflux

Letzte Aktualisierung:
5. April 2023

prokinetika

Prokinetika sind bei Reflux sehr wirksam. Gleichwohl stehen die Chancen gut, dass du davon noch nie gehört hast. Denn sie kommen bei der Behandlung jedoch selten zum Einsatz, da sie stärkere Nebenwirkungen verursachen als andere Refluxmedikamente.

Wie Prokinetika wirken

Prokinetika sind Medikamente, die auf Muskeln im Verdauungstrakt wirken. Genauer gesagt, beeinflussen sie Nervenzellen, welche die Muskelbewegungen steuern.

Muskelbewegungen spielen eine wichtige Rolle im Verdauungsprozess. Medizinisch spricht man von Motilität, beispielsweise Magen-, oder Speiseröhrenmotilität. Die Speiseröhre befördert die Nahrung in wellenförmigen Bewegungen in den Magen. Die Motilität des Magens sorgt für die Magenentleerung. Probleme mit der Motilität können Reflux begünstigen.

Auch der Magen leistet während der Verdauung erhebliche Muskelarbeit. Er knetet zunächst den Nahrungsbrei durch und befördert ihn dann Richtung Darm. Gibt es Probleme mit der Magenmotilität, verbleibt der Mageninhalt länger als gewöhnlich im Magen. Man spricht von einer verzögerten Magenentleerung; der Fachbegriff dafür lautet Gastroparese. Eine Gastroparese ist eine häufige Ursache von Sodbrennen.

Prokinetika können eine potentielle Ursache von Reflux beseitigen

Da Prokinetika Muskelkontraktionen stimulieren, können sie Verdauungsprobleme, die auf Probleme in der Muskelfunktion zurückzuführen sind, gut beseitigen.1,2

Nur für einen kleinen Teil der Refluxpatienten geht der Reflux tatsächlich auf eine Störung der Motilität zurück. Falls dies jedoch die Ursache ist, so kann ein Prokinetikum tatsächlich einen enormen Unterschied machen und die Symptome drastisch verbessern.

Außerdem erhöhen Prokinetika sie die Spannung des unteren Speiseröhrenventils, des sogenannten unteren Ösophagussphinkters (UÖS).3 Dieser stellt eine wichtige Refluxbarriere dar. Wenn er nicht mehr richtig schließt, kommt es ebenfalls leichter zu Reflux.4 Prokinetika können somit eine weitere wichtige Refluxursache verbessern.

Studien zeigen, dass Prokinetika Refluxsymptome im Vergleich zu Placebo deutlich verringern. Allerdings spricht lediglich ein Teil der Patienten darauf an. Nur bei ca. 60% der untersuchten Betroffenen konnten Prokinetika die Symptome lindern.5 Dies ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Reflux nicht immer auf Probleme mit der Motilität oder ein zu schwaches Speiseröhrenventil zurückzuführen ist.

Im Gegensatz zu den typisch eingesetzten säurereduzierenden Refluxmedikamenten setzen Prokinetika direkt an potentiellen Ursachen des Refluxes an. Säurereduzierende Medikamente, wie Protonenpumpenhemmer, reduzieren dagegen nur die Säure im Reflux, ändern aber nichts am Reflux selbst. Säure ist aber nicht der einzige Verursacher von Refluxsymptomen. Gerade bei Stillem Reflux, also Refluxsymptomen in den Atemwegen, helfen säurereduzierende Medikamente laut Studien praktisch gar nicht. Der Grund ist, dass bei Stillem Reflux das Magenenzym Pepsin der Hauptverursacher der Symptome ist. Dieses Enzym wird durch die typischen säurereduzierenden Medikamente jedoch nicht beeinflusst, wodurch sich diese Standardmedikamente bei dieser Art Reflux wirkungslos erweisen.

Prokinetika können gefährliche Nebenwirkungen verursachen

Prokinetika sind also auf den ersten Blick weitaus vielversprechender bei der Behandlung von Reflux, da sie (zumindest für einen Teil der Patienten) direkt an der Ursache des Refluxes ansetzen.

Warum werden also Prokinetika nicht häufiger bei Reflux eingesetzt?

Der Grund liegt darin, dass Prokinetika leider auch deutlich häufiger und schwerwiegendere Nebenwirkungen verursachen als die säurereduzierenden Medikamente.

Prokinetika wirken auf das Nervensystem. Dadurch können sie zahlreiche neurologische Nebenwirkungen haben.

Häufige Nebenwirkungen von Prokinetika sind:6

  • Nervosität
  • Müdigkeit
  • Gereiztheit
  • Angstzustände
  • Depressionen
  • Schwindel
  • Übelkeit
  • Durchfall

Besonders gefürchtet: Dauerhafte Spastiken

Eine ungewöhnliche Besonderheit von Prokinetika ist, dass sie dauerhafte Nebenwirkungen verursachen können, die selbst nach Absetzen des Medikaments anhalten.

Es handelt sich dabei um permanente unkontrollierte Muskelzuckungen, die man auch als Spastiken bezeichnet. Betroffene verzerren dann beispielsweise unkontrolliert das Gesicht, als würden sie Grimassen verziehen. Oder sie strecken unwillkürlich die Zunge heraus, ohne dass sie etwas dagegen tun können. Die Symptome haben eine stark stigmatisierende Wirkung und haben einen entsprechend großen Einfluss auf das Privat- und Berufsleben von Betroffenen.

Der Fachbegriff für diese Erscheinung ist Spätdyskinesie. Spät deswegen, weil sie erst Wochen nach dem Absetzen von Prokinetika auftreten.7 Diese Nebenwirkung lässt sich leider nicht vorhersehen.

Zwar ist diese Nebenwirkung sehr selten. Jedoch stellt sie eine stark abschreckende Wirkung für Patienten, als auch Ärzte dar.

Meiner Erfahrung nach ist diese sehr seltene, aber permanente und besonders abschreckende Nebenwirkung der Hauptgrund, warum Prokinetika nicht häufiger eingesetzt werden.

Fazit: Prokinetika sind aufgrund der Nebenwirkungen nicht zur Behandlung von Sodbrennen geeignet

Prokinetika werden trotz potenziell vielversprechender Wirkung aufgrund der Nebenwirkungen selten gegen Reflux eingesetzt.

Ich empfehle, stattdessen eine Anpassung der Ernährungsgewohnheiten vorzunehmen, die ähnlich wirksam ist, ohne Nebenwirkungen zu verursachen.

In meinem Buch Schluss mit Sodbrennen gehe ich genau darauf ein, wie du deine Beschwerden durch eine Anpassung der Ernährung schnellstmöglich loswirst.

Quellen

1. Washabau RJ. Prokinetic Agents. In: Canine and Feline Gastroenterology. ; 2013:530-536. doi:10.1016/B978-1-4160-3661-6.00052-3

2. Acosta A, Camilleri M. Prokinetics in Gastroparesis. Gastroenterology Clinics of North America. 2015;44(1):97-111. doi:10.1016/j.gtc.2014.11.008

3. Ren L-H. Addition of prokinetics to PPI therapy in gastroesophageal reflux disease: A meta-analysis. World Journal of Gastroenterology. 2014;20(9):2412. doi:10.3748/wjg.v20.i9.2412

4. Hershcovici T, Mashimo H, Fass R. The lower esophageal sphincter. Neurogastroenterology & Motility. 2011;23(9):819-830. doi:10.1111/j.1365-2982.2011.01738.x

5. Prokinetic Drug Utility in the Treatment of Gastroesophageal Reflux Esophagitis: A Systematic Review of Randomized Controlled Trials – PubMed. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21673949-prokinetic-drug-utility-in-the-treatment-of-gastroesophageal-reflux-esophagitis-a-systematic-review-of-randomized-controlled-trials/. Abgerufen am 3. März 2020.

6. Yang YJ, Bang CS, Baik GH, et al. Prokinetics for the treatment of functional dyspepsia: Bayesian network meta-analysis. BMC Gastroenterology. 2017;17(1):83. doi:10.1186/s12876-017-0639-0

7. Ganzini L. The Prevalence of Metoclopramide-Induced Tardive Dyskinesia and Acute Extrapyramidal Movement Disorders. Archives of Internal Medicine. 1993;153(12):1469. doi:10.1001/archinte.1993.00410120051007

Über den Autor

Gerrit Sonnabend

Gerrits Sonnabends beruflicher Hintergrund ist in der qualitativen Forschung und Data-Science. Er hatte selbst starken Reflux. Hier kannst du mehr zu Gerrit erfahren.