Interview: Hypersensitiver Ösophagus

Anmerkung: beim folgenden Text handelt es sich um eine Übersetzung eines englischen Interviews mit Professor Arjan Bredenoord, einem Gastroenterologen aus Amsterdam. Das Original findest du hier in der englischen Version von Refluxgate.

Einige Patienten reagieren empfindlicher auf Reflux als andere.

Zum Beispiel können einige Menschen einen leichten Reflux, aber schwere Symptome haben. Wenn sie zum Arzt gehen, um eine 24-stündige pH-Überwachung durchführen zu lassen, zeigt der Test möglicherweise nur leichten Reflux, obwohl sie starkes Sodbrennen haben.

Dieses Phänomen ist auch als hypersensitiver Ösophagus (überempfindliche Speiseröhre) oder Reflux-Überempfindlichkeit bekannt.

Durch Feedback von Refluxgate-Lesern weiß ich, dass es mühsam sein kann, die richtigen Informationen, Diagnosen und Behandlungen für eine Reflux-Überempfindlichkeit zu finden.

Ich habe mit Professor Arjan Bredenoord gesprochen, um mehr darüber zu erfahren.

Interview über den hypersensitiven Ösophagus

Gerrit Sonnabend: Was ist Ihr beruflicher Hintergrund?

Prof. Arjan Bredenoord: Ich bin Gastroenterologe und arbeite in einem akademischen medizinischen Zentrum in Amsterdam, in den Niederlanden. Es ist ein Universitätskrankenhaus. Ich kümmere mich um Patienten, aber ich lehre und forsche auch wissenschaftlich. Mein Schwerpunkt liegt auf gutartigen Erkrankungen der Speiseröhre wie Reflux, eosinophile Ösophagitis und Achalasie.

Ich habe gelesen, dass Sie auch ein besonderes Interesse an der Neurogastroenterologie und der Magenmotilität haben. Wie verändert dieser Hintergrund Ihre Perspektive auf Reflux?

Vielen Dank für die Frage. Ich bin Professor für Neurogastroenterologie und Motilität an der Universität Amsterdam. Im Wesentlichen geht es dabei um die Untersuchung von Nerven, Empfindlichkeit und Bewegungen des Magen-Darm-Trakts.

Bei der Refluxkrankheit untersuche ich die Empfindlichkeit der Speiseröhre. Das ist sehr wichtig, weil einige Patienten einen deutlichen Reflux spüren, andere hingegen nicht. Die Sensibilität der Menschen für Reflux ist unterschiedlich.

Viele Patienten haben einfach viel Reflux. In diesem Fall ist es offensichtlich, warum sie die Symptome spüren. Bei einigen Patienten sind die Refluxwerte jedoch normal. Dennoch haben sie immer noch sehr starke oder sehr häufige Symptome. Sie können es nicht allein mit der Menge des Refluxes erklären. Diese Art von Patienten scheint empfindlicher auf Reflux zu reagieren.

Damit kommen wir zu dem Hauptthema, über das ich mit Ihnen in diesem Interview sprechen wollte: Die Empfindlichkeit gegenüber Reflux. Wie lautet der medizinische Begriff dafür? Hypersensitiver Ösophagus? [Engl. Reflux hypersensitivity, Anm. d. Red.]

Hypersensitiver Ösophagus ist in der Tat der richtige Begriff. Es bedeutet, dass die Patienten keine übermäßige Menge an Reflux, aber dennoch Refluxsymptome haben.

Ihre Speiseröhre ist empfindlicher gegenüber Reflux.

Ich möchte sicherstellen, dass die Menschen die Grundlagen wirklich verstehen, bevor wir tiefer in das Thema einsteigen. Können Sie in ein paar einfachen Sätzen erklären, was Überempfindlichkeit ist? Wie erklären Sie Patienten Überempfindlichkeit?

Patienten, die überempfindlich sind, empfinden gegenüber normalen Reizen schmerzhafte Empfindungen, die die Organe nicht wirklich schädigen.

Nehmen wir als Beispiel den Darm. Es ist normal, dass der Darm nach dem Essen anfängt, sich zu bewegen, um die Verdauung zu unterstützen.

Nun, die meisten Menschen werden dies nie spüren. Sie haben keine Ahnung, dass ihr Darm sich bewegt und arbeitet. Aber es gibt Patienten mit einem Reizdarmsyndrom. Sie haben einen überempfindlichen Darm, und sie spüren ständig, dass ihr Darm sich bewegt. Manchmal ist es sogar ein schmerzhaftes Gefühl. Sie fühlen sich verkrampft, obwohl ihr Darm gerade seine normale tägliche Verdauungsarbeit verrichtet.

Haben Sie ein ähnliches Beispiel dafür, wie Patienten eine Reflux-Überempfindlichkeit erleben?

Wir haben ein Experiment durchgeführt, in dem Patienten mit Reflux-Überempfindlichkeit mit Personen verglichen wurden, die keine Symptome einer Refluxerkrankung hatten. Wir haben diesen Patienten einen kleinen Katheter durch die Nase in die Speiseröhre eingeführt und langsam eine saure Lösung in die Speiseröhre getropft. Das reichte nicht aus, um Schäden zu verursachen.

Die gesunden Probanden haben nie wirklich gespürt, wie diese Säure in ihre Speiseröhre tropfte. Oder höchstens ganz leicht.

Die Patienten mit Reflux-Überempfindlichkeit spürten jedoch schnell die Säure in ihrer Speiseröhre. Manchmal löste sie sehr starke Schmerzen hinter dem Brustbein aus. Es scheint also, dass ihre Nerven leicht reagieren. Deshalb spüren sie den Reflux viel schneller und intensiver.

Überempfindlich zu sein bedeutet also im Wesentlichen, dass Ihre Reaktion auf den Reflux viel stärker ist als gewöhnlich. Schon bei einem sehr schwachen Reflux können Symptome auftreten.

Ja. Sie haben Symptome aufgrund des Refluxes, aber die Menge an Reflux, die das Symptom verursacht, ist viel geringer als bei anderen Patienten. Daher können selbst kleine Refluxmengen manchmal schwere Symptome verursachen.

Warum entwickelt sich bei manchen Menschen eine Überempfindlichkeit der Speiseröhre? Was ist der physiologische Mechanismus dahinter?

Wir wissen es nicht genau, aber es wurden mehrere Hypothesen aufgestellt.

Eine der Hypothesen ist, dass die Nerven leichter erregt werden. Es könnte sein, dass sie bereits durch kleine Refluxmengen aktiviert werden.

Ein anderer Grund könnte sein, dass es sehr kleine Läsionen in der Wand der Speiseröhre gibt, die man mit einem normalen Endoskop nicht sehen kann und die zu einer leichteren Diffusion der Säuren zu den Nerven führen. Das bedeutet, dass der Reflux die Nerven leichter erreicht.

Einige Leute haben angedeutet, dass die Nerven oberflächlicher sein könnten – näher an der Oberfläche.

All dies könnten mögliche Erklärungen für eine Überempfindlichkeit sein.

Ist eine Überempfindlichkeit der Speiseröhre etwas, mit dem man geboren wird? Oder entwickelt sie sich mit der Zeit? Kann sie sich verbessern?

Oft sieht man, dass es kommt und geht.

Es gibt einige Theorien zur Überempfindlichkeit. Wenn wir von einer Überempfindlichkeit im Darm sprechen, geschieht dies manchmal nach einer bakteriellen oder viralen Gastroenteritis [Magen-Darm-Entzündung, Anm. d. Redaktion]. Die Patienten haben ein oder zwei Wochen lang Durchfall. Die Bakterien werden vom Immunsystem angegriffen und abgetötet. Manchmal haben Menschen jedoch diese Symptome immer wieder und entwickeln diese Überempfindlichkeit. Irgendwie hat die Entzündung die Überempfindlichkeit ausgelöst.

Dasselbe kann in der Speiseröhre passieren. Manchmal haben Patienten eine Periode, in der sie einen starken Reflux haben. Der Reflux ist dann wieder normal, aber dann haben sie immer noch diese Überempfindlichkeit.

Auch Faktoren wie Stress können eine Rolle spielen. Ich sage nicht, dass Stress die Ursache für das Symptom ist, aber er kann die Dinge sicherlich verschlimmern. Wir alle kennen solche Situationen. Ein Student kann gestresst sein, weil er viel für eine bevorstehende Prüfung lernt und bekommt Magenschmerzen. Kinder können am Tag vor ihrem Geburtstag Bauchschmerzen haben. Wir wissen, dass unsere Emotionen manchmal eine Rolle bei den Empfindungen im Bauchraum spielen.

Wie sieht der Diagnoseprozess aus? Wie wird bei einem Patienten mit Reflux-Überempfindlichkeit die Diagnose gestellt?

Wenn ein Patient Refluxsymptome hat, beginnen die meisten Gastroenterologen mit einer Endoskopie des oberen Verdauungstrakts. Nur eine Minderheit der Refluxpatienten hat sichtbare Auffälligkeiten. Die Endoskopie wird also nicht durchgeführt, um Reflux zu diagnostizieren, sondern vielmehr, um andere Krankheiten auszuschließen, die die Symptome des Patienten verursachen könnten.

Wenn die Endoskopie negativ ausfällt und Sie sichergehen wollen, dass die Symptome des Patienten auf Reflux zurückzuführen sind, müssen Sie Refluxmessungen durchführen. Wenn das Ergebnis ist, dass eine normale Refluxmenge vorhanden ist, Sie aber sehen, dass die Symptome eindeutig mit dem Reflux zusammenhängen, dann sind Sie sicher, dass eine Reflux-Überempfindlichkeit vorliegt.

Wenn ich richtig verstanden habe, wird die Diagnose gestellt, indem andere mögliche Ursachen der Symptome ausgeschlossen werden? Wenn jemand starkes Sodbrennen hat, aber keine ungewöhnliche Menge an Reflux oder andere sichtbare Ursachen für die Symptome aufweist, würde man dann einen hypersensitiven Ösophagus diagnostizieren?

Nun, wir möchten die Symptome, die Patienten während der 24-Stunden-Messungen haben, untersuchen und dann sehen, ob Reflux unmittelbar vor den Symptomen auftritt. Wenn dies der Fall ist, haben Sie einen sehr starken Hinweis darauf, dass der Reflux und die Symptome in einem kausalen Zusammenhang stehen.

Die Patienten protokollieren die Symptome während der 24-Stunden-Messung. Sie können sie mit dem genauen Zeitpunkt des Auftretens in ein Tagebuch schreiben, oder sie können einen Datenschreiber betätigen. Die Computersoftware kann dann später berechnen, was zwei Minuten, bevor die Patienten ihre Symptome wahrnahmen, geschah.

Wir haben bereits über die verschiedenen möglichen Ursachen einer Refluxüberempfindlichkeit gesprochen. Wie sieht es mit der Behandlung? Gibt es Behandlungsansätze, die speziell auf diese Ursachen abzielen?

Zunächst einmal spielt der Reflux hier offensichtlich eine Rolle. Wenn Sie den Reflux reduzieren können, ist es wahrscheinlich, dass auch die Symptome zurückgehen.

Eine einfache Lösung sind Protonenpumpenhemmer – Medikamente wie Omeprazol und Pantoprazol. Nun haben in der Regel Patienten mit Überempfindlichkeit diese Medikamente bereits ausprobiert. Sie müssen also versuchen, den Reflux auf andere Weise zu reduzieren.

Eine weitere Möglichkeit, die Sie bei Patienten mit vielen nächtlichen Symptomen anwenden können, ist die Schlafpositionstherapie.

Wenn im Leben eines Patienten erheblicher Stress auftritt, ist es auch möglich, diesen Teil des Problems anzugehen. Sie könnten sich mit stressreduzierenden Therapien befassen.

Auch Ernährungsgewohnheiten können bei der Entstehung von Reflux eine Rolle spielen, so dass das Vermeiden von Kaffee, großen fettreichen Mahlzeiten, Orangensaft und Rauchen ebenfalls hilfreich sein kann.

Schließlich gibt es auch Medikamente, die die Nerven der Speiseröhre weniger empfindlich machen, um die Schmerzen zu lindern.

Können Sie etwas mehr über diese Medikamente gegen die Schmerzen sprechen?

Typische Medikamente, die häufig eingesetzt werden, sind Citalopram, Amitriptylin oder Nortriptylin, in einer niedrigen Dosis. Sie verringern die Überempfindlichkeit.

Die Medikamente brauchen eine Weile, bevor ihre Wirkung einsetzt. Viele Patienten bemerken einen positiven Effekt erst nach Monaten der Anwendung.

Diese Medikamente haben aber auch Nachteile. Zum Beispiel kann Amitriptylin Schwindel und Mundtrockenheit verursachen, insbesondere in den ersten Wochen.

Bei Menschen treten zunächst Nebenwirkungen auf. Die positive Wirkung tritt erst später ein. Es ist manchmal schwierig für die Patienten, das Medikament lange einzunehmen und sich an die Einnahme zu halten, besonders wenn sie Nebenwirkungen haben, aber in den ersten Wochen keine positiven Wirkungen sehen.

Als Beispiel nannten Sie Amitriptylin, ein trizyklisches Antidepressivum. Verwenden Sie bei Überempfindlichkeit im Wesentlichen die gleichen Arten von Medikamenten wie bei neuropathischen Schmerzen, d.h. Schmerzen durch Nervenschäden? Ich weiß, dass bei neuropathischen Schmerzen typischerweise trizyklische Antidepressiva sowie Antiepileptika eingesetzt werden, wie Pregabalin.

Ja, Pregabalin wird häufig eingesetzt, aber bei uns verwenden wir hauptsächlich Citalopram und Amitriptylin. Pregabalin wird zum Beispiel in Großbritannien und in den USA häufig eingesetzt.

Wirkt eines dieser Medikamente besonders gut beim hypersensitiven Ösophagus? Oder kommt es auf die Präferenz des behandelnden Arztes an?

Jeder Arzt hat seine Präferenzen. Außerdem sind die Medikamente für diese Indikation nicht zugelassen [off-label use].

Verstehe. Lassen Sie mich das zusammenzufassen. Wenn Sie Symptome aufgrund einer Reflux-Überempfindlichkeit haben, bedeutet das, dass Sie immer noch Reflux haben – und dass Sie darauf mit ungewöhnlich starken Symptomen reagieren. Das Ziel ist immer noch, den Reflux mit den üblichen Reflux-Behandlungsmethoden zu reduzieren.

Wenn Sie mehr gegen die Schmerzen tun wollen, können Sie spezielle Medikamente gegen Nervenschmerzen einsetzen. Diese können jedoch mehr Nebenwirkungen haben als normale Refluxmedikamente.

Ja, das ist richtig.

Ich möchte eine Sache ansprechen, weil ich manchmal E-Mails bekomme, in denen auf ein Problem in der Kommunikation zwischen Patienten und Arzt bezüglich Reflux-Überempfindlichkeit hingewiesen wird. Das ist sind nur Einzelfälle. Ich weiß nicht, wie häufig dieses Problem auftritt.

Die Betroffenen erzählen mir manchmal, dass sie ihren Gastroenterologen aufgesucht und alle Tests durchführen lassen haben, und der Arzt sagt: “Sie haben eigentlich keinen Reflux, das kann Ihr Sodbrennen nicht erklären”, und verschreibt ihnen Antidepressiva. Jetzt sagt mir mein Leser, dass ihr Arzt anscheinend denkt, dass alles nur in ihrem Kopf ist und dass sie sich das alles nur einbilden. Ich weiß nicht, ob die Ärzte dieser Leser ihnen das Problem wirklich auf diese Weise erklären, oder es nur so bei den Patienten ankommt, aber es scheint sich um ein Kommunikationsproblem zu handeln.

Wie kann man vermeiden, dass Patienten denken, ihr körperliches Problem werde nicht ernst genommen, weil ihr Gastroenterologe ihnen ein Antidepressivum verschreibt?

Ja. Ich kann mir vorstellen, dass dies ein Problem sein kann.

Es ist sehr wichtig, dass die Patienten erkennen, dass bei einer Reflux-Überempfindlichkeit der Auslöser in der Speiseröhre beginnt, durch die Nerven wandert und zum Gehirn gelangt, und das macht den Menschen ein Symptom bewusst.

Wenn den Menschen diese Medikamente verschrieben werden, zum Beispiel Citalopram oder Amitriptylin, besteht das Ziel des Medikaments nicht darin, ihre Stimmung zu ändern, sondern sich die Empfindlichkeit der Nerven zu beeinflussen.

Ich stimme zu, dass es sehr wichtig ist, dies zu erklären. Auch zu erklären, dass es nicht nur um Stress geht und nicht alles nur im Kopf ist. Und ich denke auch, dass es sogar schädlich sein kann, wenn man den Zusammenhang nicht richtig erklärt, weil die Leute das Gefühl haben könnten, dass alles ihre Schuld ist, was natürlich nicht der Fall ist.

Ende von Teil #1 des Interviews.

Dies war der erste Teil des Interviews.

Ich sprach mit Professor Bredenoord auch über ein Schlafpositionierungsgerät (LEFT Gerät), das nächtlichen Reflux reduzieren kann, indem es die Benutzer so konditioniert, dass sie nicht auf der rechten Seite schlafen.