Können Blutdruckmedikamente Reflux verursachen?

Von Gerrit Sonnabend · Veröffentlicht

Als ich anfing, dieses Thema zu recherchieren, war ich überrascht, wie wenig verlässliche Daten es gibt. Bluthochdruck ist eine Volkskrankheit, Reflux ebenso. Trotzdem gibt es keine hochwertigen Studien, die gezielt untersucht haben, ob und welche Blutdruckmedikamente Reflux auslösen. Was existiert, sind indirekte Hinweise: Statistiken aus großen Patientendaten und Laborforschung zu den Wirkmechanismen. Ich habe überlegt, diesen Artikel gar nicht zu veröffentlichen, weil die Datenlage dünn ist. Ich habe mich trotzdem dafür entschieden, weil manche Betroffene möglicherweise Blutdruckmedikamente nehmen, die ihren Reflux verschlimmern, ohne den Zusammenhang zu kennen.

Kurz zusammengefasst: Kalziumkanalblocker (z.B. Amlodipin, Nifedipin) sind die einzige Klasse an Blutdruckmedikamenten, für die es Hinweise auf einen Zusammenhang mit Reflux gibt. Wie stark dieser Effekt in der Praxis ist, lässt sich aus den vorhandenen Studien nicht sicher ableiten. Die meisten anderen Blutdrucksenker scheinen in Bezug auf Reflux unproblematisch zu sein.

Kalziumkanalblocker und Reflux

Kalziumkanalblocker (CCBs) wie Amlodipin, Nifedipin, Felodipin, Verapamil und Diltiazem gehören zu den am häufigsten verschriebenen Blutdruckmedikamenten. Sie senken den Blutdruck, indem sie die glatte Muskulatur in den Blutgefäßen entspannen. Dabei entspannen sie auch den unteren Ösophagussphinkter, den Schließmuskel zwischen Speiseröhre und Magen. Dieser Mechanismus ist im Labor nachgewiesen und pharmakologisch unstrittig.

Wie sehr sich das klinisch auswirkt, ist weniger klar. In einer Querschnittsstudie mit 13.993 Patienten waren Kalziumkanalblocker mit einem leicht erhöhten Risiko für Speiseröhrenentzündung assoziiert (Odds Ratio 1,22). Eine Odds Ratio von 1,22 bedeutet: CCB-Nutzer hatten ein 22% höheres relatives Risiko als Nicht-Nutzer. Zum Vergleich, die anderen Risikofaktoren aus derselben Studie: Hiatushernie (OR 3,10), Übergewicht (OR 1,57), männliches Geschlecht (OR 1,52), Alkoholkonsum (OR 1,20), Rauchen (OR 1,19). Kalziumkanalblocker liegen also auf dem Niveau von Alkohol und Rauchen und weit unter dem Einfluss von Übergewicht oder einer Hiatushernie. Zudem ist das eine Beobachtungsstudie: sie kann feststellen, dass Patienten, die Kalziumkanalblocker nehmen, häufiger Refluxösophagitis haben, aber nicht beweisen, dass das Medikament die Ursache ist. Eine japanische Studie mit 590 Patienten fand eine stärkere Assoziation (Odds Ratio 2,12), aber auch hier mit den gleichen methodischen Einschränkungen.

Die konkretesten Zahlen kommen aus einer Studie mit 371 Patienten, die bereits Kalziumkanalblocker einnahmen und rückblickend befragt wurden, ob sich ihre Refluxsymptome seit Beginn der Einnahme verändert hatten. 35% der zuvor beschwerdefreien Patienten berichteten neue Refluxsymptome, bei Patienten mit bestehenden Beschwerden waren es 45%. Diese Zahlen klingen hoch, aber es gibt Einschränkungen: es fehlt eine Kontrollgruppe, die Teilnehmer waren im Schnitt 65 Jahre alt (ein Alter, in dem Reflux auch ohne Medikamente häufiger wird), und die Daten basieren auf Erinnerung statt auf einer Beobachtung über Zeit. Die Studie hat zwar erhoben, wie lange die Patienten das Medikament bereits einnahmen, diese Daten aber nie veröffentlicht. Ohne diese Information ist es schwer, die Zahlen einzuordnen: Reflux ist in dieser Altersgruppe häufig, entwickelt sich oft schleichend und verschlimmert sich mit der Zeit. Ein Teil dieser Patienten hätte vermutlich auch ohne das Medikament Symptome entwickelt.

Was für einen Zusammenhang spricht, ist die Pharmakologie: Kalziumkanalblocker wirken, indem sie glatte Muskulatur entspannen. Der Ösophagussphinkter ist glatte Muskulatur. Dass diese Medikamente den Sphinkter schwächen, ist keine Spekulation, sondern eine logische Konsequenz ihres Wirkmechanismus. Die klinischen Daten, so schwach sie sind, zeigen alle in die Richtung, dass Kalziumkanalblocker Reflux verstärken. Die Frage ist nur, wie stark der Effekt ist, was sich aus den derzeitigen Studien nicht sagen lässt. Indirekt lässt sich aber vermuten, dass der Effekt auf den Reflux kein allzu starkes Problem sein kann, andernfalls wäre es angesichts der Millionen von Patienten, die diese Medikamente nehmen, deutlich besser erforscht.

Ein interessantes Detail aus der 371-Patienten-Studie: Kalziumkanalblocker werden in zwei Untergruppen eingeteilt, Dihydropyridine (u.a. Amlodipin, Nifedipin, Felodipin) und Nicht-Dihydropyridine (u.a. Diltiazem, Verapamil). In der Studie schnitten Dihydropyridine deutlich schlechter ab als Nicht-Dihydropyridine. Die Daten für die Gesamtklasse waren schon dünn, eine Untergruppen-Analyse macht sie nicht verlässlicher. In der Praxis würde ein Arzt bei Refluxproblemen unter einem Kalziumkanalblocker vermutlich eher auf eine komplett andere Medikamentenklasse wechseln. Falls das aus medizinischen Gründen nicht möglich ist, könnte ein Wechsel innerhalb der Klasse (z.B. von Amlodipin zu Diltiazem) eine Alternative sein.

ACE-Hemmer: kein Reflux, aber Husten

ACE-Hemmer (Ramipril, Enalapril, Lisinopril und andere) verursachen nach aktuellem Wissensstand keinen Reflux. In der großen Studie mit 13.993 Patienten zeigten sie keine signifikante Assoziation mit Refluxösophagitis (Odds Ratio 0,90).

Was ACE-Hemmer allerdings auslösen können, ist ein trockener Reizhusten (bei 5-20% der Patienten). Der Husten entsteht durch die Anhäufung von Bradykinin und Substanz P in den Atemwegen. Das ist kein Reflux, sondern ein eigenständiges, neurologisches Phänomen.

Für Menschen mit Stillem Reflux ist das trotzdem relevant: chronischer Husten und ständiges Räuspern sind ohnehin häufige Stiller Reflux Symptome. Ein medikamentös ausgelöster Husten kommt dann noch oben drauf und kann die Symptome insgesamt verschlimmern. Außerdem erschwert es die Einschätzung, ob der Husten vom Reflux kommt oder vom Medikament. Wenn du einen ACE-Hemmer nimmst und Husten entwickelst, ist ein Wechsel zu einem Sartan (ARB) die typischerweise empfohlene Lösung. Sartane haben einen ähnlichen Wirkmechanismus, verursachen aber keinen Husten.

Refluxneutrale Blutdruckmedikamente

Für die folgenden Klassen an Blutdruckmedikamenten habe ich in meiner Recherche keinen Zusammenhang mit Reflux gefunden:

  • Sartane / ARBs (u.a. Valsartan, Losartan, Candesartan)
  • Betablocker (u.a. Bisoprolol, Metoprolol, Atenolol)
  • Nitrate (u.a. Nitroglycerin, Isosorbidmononitrat)
  • Alpha-Blocker (u.a. Doxazosin, Tamsulosin)
  • Diuretika (u.a. Hydrochlorothiazid, Indapamid, Spironolakton)

Was tun bei Reflux unter Blutdruckmedikamenten?

Wenn du Blutdruckmedikamente nimmst und Reflux hast, lohnt sich ein Blick darauf, ob ein Kalziumkanalblocker dabei ist, z.B. Amlodipin, Nifedipin, Diltiazem oder Verapamil.

Es gibt mehrere alternative Klassen an Blutdruckmedikamenten. Entsprechend kannst du mit deinem Arzt besprechen, auf ein Medikament aus einer anderen Klasse zu wechseln. Die Datenlage reicht nicht aus, um pauschal von Kalziumkanalblockern bei Reflux abzuraten. Aber wenn du unter Reflux leidest und ein solches Medikament nimmst, ist es eine Frage, die sich lohnt, bei der nächsten Gelegenheit mit deinem Arzt anzusprechen.