Welche Bedeutung spielt die Magensäure bei Reflux?

Reflux bezeichnet das Aufsteigen von saurem Mageninhalt in die Speiseröhre. Die Säure gilt als Auslöser der Refluxsymptome, weswegen zur Behandlung vorwiegend säurereduzierende Medikamente zum Einsatz kommen.

Die Säure erfüllt jedoch wichtige Funktionen bei der Verdauung. Zudem ist entgegen landläufiger Meinung die Magensäure nicht der einzige Auslöser der Refluxsymptome, weswegen manche Patienten trotz säureunterdrückender Medikamente noch Beschwerden haben.

Die Funktion der Magensäure bei der Verdauung

Magensäure wird in den Schleimhautzellen der Magenwand produziert und zeigt sich bei der Verdauung für einige wesentliche Vorgänge verantwortlich. So hilft sie einerseits Nahrung zu desinfizieren, um Infektionen vorzubeugen, und wird zugleich für die Wirksamkeit der Verdauungsenzyme benötigt, da diese nur bei einem sauren pH-Wert effizient arbeiten können. Außerdem erleichtert Magensäure die Aufnahme von Vitaminen und Mineralien.

Aus diesem Grund ist eine Hemmung der Magensäureproduktion bei Reflux auf Dauer nicht ratsam. Da Verdauungsprobleme Reflux begünstigen, kann eine langfristige Einnahme von Säureblockern die Erkrankung sogar verschlimmern.

Magensäure stellt sich also für die Verdauung als essenziell heraus und ist für sich gesehen nicht schädlich. Der Magen ist außerdem ausreichend gegen die Säure geschützt. Problematisch wird es erst, wenn saurer Mageninhalt in Form von Reflux nach oben aufsteigt. Denn die Speiseröhre ist weniger gut gegen die Effekte der Magensäure geschützt. Noch empfindlicher reagieren Hals und Atemwege. Gelangt Reflux bis in die Atemwege, spricht man von Stillem Reflux.

Die Rolle von Magensäure bei Sodbrennen

Wenn saurer Mageninhalt nach oben entweicht, erreicht er zunächst die Speiseröhre. Bei regelmäßigem Reflux kann sich das Innere der Speiseröhre entzünden und typische Symptome wie Sodbrennen treten auf. Säurereduzierende Medikamente, zu denen etwa Protonenpumpenhemmer (PPIs) zählen, blockieren die Produktion von Magensäure und lindern schnell die Symptome.1

Dabei gilt pH 4 als kritischer pH-Wert, der im Laufe des Tages nicht (oder nur kurz) unterschritten werden sollte. Erst wenn der pH-Wert über dieser Grenze liegt, kann die Speiseröhrenentzündung abklingen und die Symptome verbessern sich.

Jedoch möchte ich anmerken, dass der Wert von pH 4 relativ beliebig gewählt ist. Er hat sich einfach als Messlatte durchgesetzt. Man kann durchaus auch mit weniger saurem Reflux Sodbrennen und andere Symptome entwickeln, wenn man besonders sensibel für die Effekte von Reflux ist.

Säure ist nicht der einzige Bestandteil von Reflux

Neben der Magensäure besteht Reflux aus weiteren Komponenten, welche die Speiseröhre reizen. Reflux enthält verschiedene Verdauungsenzyme und Galle, die die Speiseröhre ebenfalls angreifen.2,3 Aus diesem Grund können säurereduzierende Medikamente die Symptome oft meist nicht dauerhaft beseitigen. Das gilt insbesondere bei Atemwegssymptomen im Fall von Stillem Reflux, wo Medikamente sehr geringe Wirkung zeigen.

Die Rolle von Magensäure bei Stillem Reflux

Reflux erreicht nicht nur die Speiseröhre, sondern kann in Form eines dünnen und unsichtbaren nebelartigen Aerosols auch weiter bis in den Rachen und die Atemwege aufsteigen. Diese Form des Refluxes wird wie schon erwähnt auch als Stiller Reflux bezeichnet.4 „Still“, da durch das Leiden unspezifische Symptome auftreten, die normalerweise nicht mit Reflux in Verbindung gebracht werden, wie zum Beispiel Husten und Heiserkeit.

Magensäure aktiviert das Verdauungsenzym Pepsin

Ähnlich wie flüssiger Reflux in der Speiseröhre ist auch der Stille Reflux sauer und enthält Magenenzyme. Obwohl Säure die Atemwege reizen kann, bleibt sie demnach nicht die einzige Ursache der Symptome. Der eigentliche Grund ist vielmehr das Magenenzym Pepsin, dessen Aufgabe darin besteht, Proteine zu verdauen.5 Leider bestehen die Zellen der Schleimhäute im Hals- und Rachenraum hauptsächlich aus Proteinen, wodurch Pepsin beträchtlichen Schaden anrichten kann.

Allerdings sind Pepsine bei dem relativ hohen pH-Wert, der für gewöhnlich in den Atemwegen herrscht, nicht aktiv. Da sie ihre Arbeit im Magen verrichten, brauchen sie für ihre Aktivität ein saures Milieu. Hier kommt wieder die Magensäure ins Spiel: Sie verringert durch ihre Zusammensetzung den pH-Wert und aktiviert dadurch die Enzyme.

Pepsine können jedoch nicht nur durch sauren Reflux aktiviert werden, sondern auch durch Säure in Lebensmitteln. Aus diesem Grund ist eine säurearme Ernährung bei Stillem Reflux so wichtig.6

Fazit: Magensäure ist nicht die einzige Ursache für die Symptome

Aufsteigende Magensäure gilt bei Reflux oftmals als alleiniger Verursacher der Symptome. Reflux weist neben der Säure aber noch weitere Bestandteile auf, die alle nachhaltige Schäden verursachen. Daher sollte sich eine effektive Behandlung nicht auf eine Reduzierung der Säure, sondern auf eine Verminderung des Refluxes konzentrieren. Sprich, der Reflux sollte erst gar nicht entstehen, sondern im Magen bleiben, wo er hingehört.


Quellen

1. Hrelja N, Zerem E. Proton pump inhibitors in the management of gastroesophageal reflux disease. Medicinski arhiv. 2011;65(1):52-55. http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21534455. Accessed January 30, 2020.

2. TACK J. Review article: the role of bile and pepsin in the pathophysiology and treatment of gastro-oesophageal reflux disease. Alimentary Pharmacology & Therapeutics. 2006;24:10-16. doi:10.1111/j.1365-2036.2006.03040.x

3. Siddiqui A, Rodriguez-Stanley S, Zubaidi S, Miner PB. Esophageal Visceral Sensitivity to Bile Salts in Patients with Functional Heartburn and in Healthy Control Subjects. Digestive Diseases and Sciences. 2005;50(1):81-85. doi:10.1007/s10620-005-1282-0

4. Campagnolo A, Priston J, Thoen R, Medeiros T, Assunção A. Laryngopharyngeal Reflux: Diagnosis, Treatment, and Latest Research. International Archives of Otorhinolaryngology. 2013;18(02):184-191. doi:10.1055/s-0033-1352504

5. Johnston N, Dettmar PW, Bishwokarma B, Lively MO, Koufman JA. Activity/Stability of Human Pepsin: Implications for Reflux Attributed Laryngeal Disease. The Laryngoscope. 2007;117(6):1036-1039. doi:10.1097/MLG.0b013e31804154c3

6. Koufman JA. Low-Acid Diet for Recalcitrant Laryngopharyngeal Reflux: Therapeutic Benefits and Their Implications. Annals of Otology, Rhinology & Laryngology. 2011;120(5):281-287. doi:10.1177/000348941112000501